Hier geht’s um die Wurst!
Jenseits des sprichwörtlichen Weißwurstäquators werden sie vergeben – die begehrten europäischen Auszeichnungen und Ehrenpreise für die besten Weißwürste. Seit 34 Jahren versammelt sich allein aus diesem Grund die Feinschmeckerbruderschaft des Herzogtums Alençon in der gleichnamigen Ortschaft mitten in der Normandie. Hier zelebriert man die Wahl der besten „boudin blanc“, auf gut Deutsch: der „weißen Wurst“.
Feierlich geht es zu, wenn die Weißwurstexperten zu der ehrenden Tat schreiten. In historischen Gewändern, behängt mit schweren Ordensketten, tritt die Jury auf, um die Besten zu küren. Diese vornehme Zeremonie versteht sich als symbolische Verbeugung vor dem traditionellen Metzgerhandwerk.
Übrigens schneiden die baden-württembergischen Metzger in der Regel besser ab, als ihre bayrischen Kollegen. 530 Bewerber aus ganz Europa traten 2007 zum Wettbewerb an. Und der Europameistertitel ging in diesem Jahr nach Besigheim!
Legende und Wahrheit des Weißwurstkults
Wer hat Sie denn nun wirklich erfunden? Die bayrische Sage schreibt die Entstehung der Weißwurst auch heute noch dem Münchner Metzger Sepp Moser zu. Der verwendete am Rosenmontag 1857 – leicht benebelt vom Genuss des Weißbiers – normales Salz statt Pökelsalz. So soll die weiße Wurst entstanden sein.
Eine weitere gängige Legende besagt, dass der Lehrling Schweinedärme statt der für Kalbsbratwürstchen üblichen Schafsdärme besorgte. Wegen der wartenden Gäste habe Moser in seiner Not die Masse in die empfindlichen Därme gefüllt und – damit diese nicht platzen – die Wurst gebrüht statt gebraten.
Das sind nette Anekdoten, aber das Mutterland der weißen Delikatesse ist in Wahrheit Frankreich! Denn hier genoss man die „boudin blanc“ bereits im Mittelalter. Möglicherweise trat die Wurstspezialität mit den napoleonischen Feldzügen ihre Reise über die gallischen Grenzen hinweg an. Kennt man diese Geschichte, so empfindet man es nicht mehr als Stilbruch, wenn in Frankreich zur Weißwurst Weißwein und Weißbrot serviert wird und süßer Senf dazu völlig unbekannt ist.
Wie isst man Sie nun richtig? Auf keinen Fall mit Messer und Gabel, sagen die Bayern. Und ohne Haut natürlich. Bayrisch zuzelt man die Spezialität, dabei wird die Wurst mit den Zähnen aus dem Darm gezogen. Auf gut schwäbisch: Man schlotzt sie.
Und wie steht es mit der alten Regel, dass die Weißwürste das Läuten der Mittagsglocken nicht mehr hören dürfen? Die stammt wohl aus der Zeit vor Erfindung der Kühltechnik, denn das Produkt soll immer frisch verzehrt werden. Eine andere Erklärung meint, dass die Wurst früher in Gaststätten vormittags an Handwerker verkauft wurde, die um die Mittagsstunde den zahlungskräftigeren Bürgern in der Gaststube Platz machen sollten.
So ranken sich viele Geschichten um die Weißwurst. Doch wirklich wichtig ist nur eines: Sie muss schmecken!


